Wohnraum schaffen und das Wettertal erhalten: Für uns gehört beides zusammen. Wer über neue Bauflächen entscheidet, muss den Bedarf genau erklären und die Möglichkeiten innerhalb der bestehenden Orte offenlegen. Die aktuellen Zahlen für Bad Nauheim verdienen deshalb einen genaueren Blick.
Was hinter den rund 1.700 Wohnungen steckt
Die Wetterauer Zeitung greift am 11. Oktober 2026 einen Bedarf von fast 1.700 Wohnungen bis 2040 auf. Ihr Bericht über Wohnraumbedarf und Baukosten ist Anlass für unsere Einordnung. Entscheidend ist, was die zugrunde liegende Untersuchung tatsächlich berechnet.
Die GEWOS-Wohnraumbedarfsanalyse 2026, Tabelle 15 auf PDF-Seite 80, nennt für Bad Nauheim 1.690 Wohnungen als Neubaubedarf bis 2040. Darin stecken 1.260 Wohnungen Zusatzbedarf und 490 Wohnungen Ersatzbedarf; ein rechnerischer Ausgangsüberhang von 60 Wohnungen wird abgezogen. Dieser Überhang sagt nichts darüber aus, ob ausreichend bezahlbare Wohnungen angeboten werden.
Ersatzbedarf entsteht durch künftig wegfallende Wohnungen. Die Studie erläutert auf PDF-Seite 79, dass Ersatz teilweise am bisherigen Standort entstehen kann. Aus der Gesamtzahl folgt somit kein gleich großer Bedarf an zusätzlichen Bauflächen.
Eine Prognose ist keine Gewissheit
Auch die Bevölkerungsannahmen verdienen Aufmerksamkeit. Das Gemeindedatenblatt der Hessen Agentur, Prognosestand 2025, Seite 2, erwartet für Bad Nauheim rund 33.300 Einwohner im Jahr 2040 – gegenüber rund 32.900 im Jahr 2024 ein Zuwachs von 1,2 Prozent.
GEWOS geht dagegen von 33.210 wohnungsmarktrelevanten Personen 2025 und 35.450 im Jahr 2040 aus. Die Modellbeschreibung auf PDF-Seiten 61–62 berücksichtigt unter anderem Nebenwohnsitze und schließt Menschen in Einrichtungen aus. Datenstand und Bevölkerungsbegriff unterscheiden sich. Die ältere Hessen-Agentur-Prognose widerlegt daher die neuere Berechnung nicht; sie ist auch keine eigene Wohnraumbedarfsanalyse.
Für uns ergibt sich daraus eine konkrete Forderung: Die Stadt sollte nachvollziehbar zeigen, wie sich der Wohnungsbedarf bei unterschiedlichen Wachstumsannahmen verändert. Eine langfristige Flächenentscheidung braucht diese Abwägung. Eine einzelne Prognose ersetzt sie nicht.
KI-generiertDie Stadt nennt selbst den Vorrang der Innenentwicklung
Eine klare Grundlage liefert Bad Nauheim selbst: In der Allgemeinverfügung zur Grundsteuer C vom 27. Februar 2026, Begründung II, beschreibt die Stadt Baulücken, Nachverdichtung und Brachflächen als Potenziale. Bestehende Straßen und Infrastruktur sollen genutzt werden. Konsequente Innenentwicklung könne Eingriffe in Natur und Landschaft zu einem großen Teil vermeiden.
Wir nehmen diese Begründung ernst. Innenentwicklung bedeutet, innerhalb der bestehenden Bebauung zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. Bevor weitere Böden am Ortsrand versiegelt werden, erwarten wir eine öffentlich nachvollziehbare Bilanz: Welche Potenziale bestehen, welche sind tatsächlich verfügbar, und was verhindert ihre Nutzung?
Was schon 2021 in der Wetterauer Zeitung stand
Am 21. Juni 2021 berichtete die WZ über geplante Wohnungen auf dem Dingeldein-Gelände in Schwalheim. Auf einer rund 5.200 Quadratmeter großen Industriebrache sollten 28 Wohnungen entstehen. Bürgermeister Klaus Kreß betonte dem Bericht zufolge den Vorrang der Innenentwicklung gegenüber dem Bauen an den Ortsrändern. Das belegt die damalige Planung und Position, nicht den heutigen Fertigstellungsstand.
Bereits am 4. Februar 2021 berichtete die WZ über die Forderung der Schwalheimer CDU, zuerst Wohnraum im Ort zu schaffen. Dabei verwies sie auf die schon 2019 im Ortsbeirat verlangte Erfassung von Baulücken und Leerständen. Die CDU lehnte Außenentwicklung damit nicht grundsätzlich ab.
Für uns ist deshalb die Frage offen: Was ist aus der angekündigten Priorität und der geforderten Bestandsaufnahme geworden? An diesen früheren Aussagen und der eigenen Begründung von 2026 sollte sich die heutige Stadtentwicklung messen lassen.
Was wir für Schwalheim erwarten
- Eine aktuelle Bilanz der Baulücken, Leerstände und umnutzbaren Flächen – einschließlich der Hindernisse und ihrer möglichen Lösungen.
- Eine verständliche Gegenüberstellung der Prognosen und ihrer Folgen für den Bedarf und den Flächenverbrauch.
- Konkrete Angaben dazu, welche Wohnungen fehlen und wie ihre Bezahlbarkeit gesichert werden soll.
- Eine frühzeitige Beteiligung der Menschen vor Ort, bevor neue Flächenentscheidungen getroffen werden.
Wir setzen uns für den Erhalt des Wettertals und gegen eine Bebauung der Gemarkung „Auf dem Forst“ ein. Wohnbedarf muss sorgfältig gedeckt werden. Dazu gehört für uns, vorhandenen Raum vorrangig zu nutzen und den Verlust fruchtbarer Böden zu vermeiden.
Mehr zu unserer Haltung finden Sie unter Innenentwicklung und Bodenschutz.
